Strategien der Partizipation

 

„‚Participation‘ is a word that has been used a lot lately. What does this word mean today after it has been turned into a cliché so many times? How can people participate? Also how can the architect or curator participate? Who has the initiative?“ (Obrist 2006, zitiert nach Miessen / Basar 2006: 18). In unterschiedlichen Disziplinen aus Wissenschaft und Kultur stellt sich immer häufiger die Frage nach der Machbarkeit partizipativer Öffentlichkeiten. Dabei sind di-vergierende Standpunkte zur Strategie, zur möglichen Ausformung des Einbeziehens der Öffentlichkeit sowie zum Wissenstransfer und der räumlichen Praktiken Bestandteil des Diskurses.

 

Partizipation als Utopie

Partizipative Öffentlichkeiten gelten aufgrund ihrer geforderten multiperspektivischen und kongenialen Zusammensetzung und einer damit einhergehenden Auflösung tradierter Wissensproduktion oft als utopische Entwürfe. Der Medienwissenschaftler und Publizist Stefan Münker beschreibt in seinem Essay „Emergenz digitaler Öffentlichkei-ten“ (Münker 2009) den Idealtypus einer solchen partizipatorischen Öffentlichkeit. Er beruft sich dabei auf Jürgen Habermas, für den die Sphäre bürgerlicher Öffentlichkeit durch vier Kriterien bestimmt wird: „Der Zugang zu ihr ist prinzipiell offen, ihre Mit-glieder sind einander vollkommen ebenbürtig, die Temenwahl ist gänzlich offen und der Kreis potentieller Teilnehmer unabgeschlossen.“ Diese Kriterien sind für Münker „der Kern utopischer Entwürfe partizipativer Öffentlichkeiten überhaupt“ (Münker 2009: 36 – 37). In Anlehnung an Habermas sieht Münker in der „Idee einer kritischen, auflärerischen Öffentlichkeit […] die eines Raumes medial realisierter, aber prinzipiell unbeschränkter Kommunikation von begründeten Meinungen, die, vermittelt durch das Korrektiv anderer, zu objektiviertem Wissen gerinnen […]“ (ebd.: 35). Der von Münker beschriebene Habermassche Entwurf entspricht einem Idealtypus partizipativer Öffentlichkeiten, der mit dem Wunsch nach einem interdisziplinären Diskurs verbunden ist, der es möglich werden lässt, neue Konzepte zu entwickeln, die bewusst gewohnte Ordnungen übersteigen und nach neuen Wegen Ausschau halten.

 

Partizipation als Konflikt

Ein weiterer Aspekt des Diskurses über partizipative Öffentlichkeiten beinhaltet die Forderung, bei ihrer Gestaltung eine Philosophie des Konflikts zu etablieren, um eine Öffentlichkeit zu konstituieren, in der sich alle gleichberechtigt widerspiegeln, ohne Angst zu haben, auf Ablehnung zu stoßen.So fordert beispielsweise der Architekt und Kulturwissenschafler Markus Miessen, Partizipation als eine Form der kritischen Auseinandersetzung zu verstehen: „Wenn wir den Konflikt im Gegensatz zu unschuldigen Formen der Partizipation betrachten, ist er nicht als eine Form des Protests oder eine konträre Provokation zu verstehen, sondern vielmehr als eine mikropolitische Praxis, durch die die Partizipierenden zu aktiv Han-delnden werden, die darauf bestehen in dem Kräftefeld, mit dem sie sich konfrontiert sehen, zu AkteurInnen zu werden. […] Wichtig ist hierbei die Rolle der Außenseiter, denn nur diese können den vorher etablierten Machtbeziehungen des Expertenwissens kritisch etwas hinzufügen.“ (Miessen 2007: 3).

Die Forderungen nach objektiviertem Wissen, unbeschränkter Kommunikation, einem offenen kritischen Dialog, der Auflösung tradierter Praktiken, öffentlicher Zugänglichkeit, kongenialer Einbindung von Außenseitern und Prozesshafigkeit werden im Zusammenhang mit partizipativen Öffentlichkeiten mannigfach kontrovers diskutiert. Welche Rolle spielen gegenwärtig Museen in diesem Spannungsfeld und welche progressive Position sind sie zukünfig bereit einzunehmen?

Gesamter Text

 

Publikation:

GESSER, Susanne; JANNELLI , Angela; HANDSCHIN, Martin; LICHTENSTEIGER , Sibylle (Hrsg.). Das partizipative Museum (S.146-155). transcript Verlag 2012

 



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